Nulla dies sine linea

Dran bleiben am Schreiben, kein Tag ohne [neue] Zeile!,
das mahnt Walter Benjamin an in seinen 13 Thesen zur Technik des Schriftstellers.*

Bei Elias Canetti lese ich: “Es ist Zeit, mir Dinge wieder mitzuteilen. Ohne dieses Schreiben löse ich mich auf. Ich spüre, wie mein Leben sich in stumpfes trübes Sinnen auflöst, weil ich nicht mehr Dinge über mich aufschreibe. . .“**

Von Michel Butor wird der Satz überliefert: “Chaque mot écrit est une victoire contre la mort.“ Interpretierend übersetzt etwa: Jedes niedergeschriebene Wort ist ein Sieg wider den Tod.

Und selbst von einer Tagebuch schreibenden Klofrau*** lesen wir: “. . . Il ne se passe plus une seule journée sans que j’écrive. Ne pas le faire serait comme de ne pas avoir vécu cette journée. . .“
Es vergeht kein Tag, ohne dass ich schreibe; es nicht zu tun wäre, wie wenn ich den Tag gar nicht gelebt hätte.

Was die vier Beispiele verbindet, ist doch wohl die Besinnung beim Formulieren und Niederschreiben der flüchtigen Gedanken: eine Be-Sinnung also, ohne die alles Erlebte wie nie geschehen wäre.

*   W. Benjamin, Einbahnstraße
**   E. Canetti, Buch gegen den Tod
*** J.P. Didierlaurent, Le liseur du 6h27

 

 

5 Gedanken zu “Nulla dies sine linea

  1. Danke für diese überzeugenden Übereinstimmungen.
    Wahrscheinlich müssen wir uns tatsächlich immer wieder durch das Schreiben – oder auch Zeichnen, Malen, Bilden, Fotografieren… unseres Daseins vergewissern.
    Lieben, hier schriftlich dokumentierten Gruss,
    Brigitte F.

    • Danke, B.F. – Sie als vielfach Kreative haben natürlich sogleich erkannt, dass es in meinem Aperçu nicht bloß ums Schreiben ging, sondern dass wohl jegliche künstlerische Leistung den übrigen Anforderungen des Lebens erst abgetrotzt werden muss.
      Gruß, D.M.

  2. Danke, Martin,
    Assoziation “Schrei“? – Vielleicht weil es in den Textauszügen jeweils um ein Gegen-an-Schreiben wider das Unvermeidliche geht?
    Gruß, D.

  3. Ja, „Schrei“ oder „Aufschrei“, nicht zuletzt deshalb, weil das Schreiben oft genug das Auf-Schreien impliziert: das wider das Erlebte, was ja nicht immer schön ist.

    Gruß, Martin.

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