Ungewissheit ertragen zu können

Z.B. der Reiz einer skizzierenden, nur andeutenden, Zeichnung.
Er verliert sich zunehmend mit jedem verdeutlichenden Strich,
und das Bild läuft schließlich Gefahr, in formeller Unzweideutigkeit zu erstarren.

Das Phänomen ist vergleichbar mit der ungreifbaren Vagheit von Träumen: ihr Zauber vergeht in dem Maße, wie sie sprachlich gefasst und mitteibar gemacht werden.

Gedichte heute und vordem

Wer den Text eines Gedichts aus vergangener Zeit nicht versteht, neigt vielleicht leichter zu der Vermutung, dass ihm da ein Geheimnis entgeht, zu dem leider der Schlüssel verloren gegangen ist.

Bei einem zeitgenössischen Werk jedoch halten viele das, was sie nicht gleich verstehen, für baren Unsinn.

Dicke Wälzer, . . .

… so hört man, haben es in diesen Tagen immer schwerer auf dem Büchermarkt: die Leser verlangt es eher nach kurzen Romanen in schmalen Bänden.

Zwar gehöre auch ich zu denen, die vor Büchern mit hohen Seitenzahlen zurückschrecken; aber gelegentlich mache ich mich doch auf zur Erlebnissafari, die solche Lektüre bedeuten kann.

Dabei ist mir zum wiederholten Mal bewusst geworden, dass das tiefe Eintauchen in eine fremde Welt nur durch eine dieser langen, selbstvergessenen Lesephasen erreicht wird, aus denen man am Ende wie aus einem Parallel-Leben zurückkehrt.

Z.B. jetzt wieder bei
Un long dimanche de fiançailles
von Sébastien Japrisot , Éditions Denoël

Aus Herrn Zetts Betrachtungen

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“Ist Ihnen aufgefallen“, fragte Z., “dass die Reklameleute die Klassiker enteignet haben? Mozart und Molière, das war gestern.

Heute prangt das Wort Classic – natürlich auf Englisch, denn Deutsch verstehen diese Personen nicht – auf Flaschen mit Badeschaum, auf teuren Bleistiften und auf Käseschachteln.“

50614

Und z. B. auch auf Bierflaschen, kann man hinzufügen.

*) Hans Magnus Enzensberger bei Suhrkamp